Zwischen Kindergartenstreik, Notgruppen und Verzweiflung – ein Abriß der letzten Tage

Eigentlich kann ich von Glück sagen, dass der Große im September eingeschult wird und ich allein deshalb noch nicht arbeiten gehen kann. Ansonsten würde ich in nicht einmal einem Monat vielleicht eine neue Arbeitsstelle beginnen und vor einem großen Problem stehen – wohin mit beiden Kindern? Schließlich wird schon seit ein paar Wochen gestreikt und erst Anfang dieser Woche wurde bekanntgegeben, dass er wohl noch bis zu den Sommerferien weitergehen wird.
Über den Sinn und Unsinn des Streiks will ich mich gar nicht groß auslassen – um ehrlich zu sein, stehe ich auch nicht wirklich hinter dem Streik. Natürlich werden Erzieherinnen schlecht bezahlt (ich als Arzthelferin bekomme im Monat einige hundert Euro weniger!) und sollten aufgewertet werden. Gleich 10% mehr Lohn und gleichzeitig einen besseren Betreuungsschlüssel, also mehr Erzieher für die gleiche Anzahl von Kindern zu verlangen, beißt sich für mich aber irgendwie. Unser Bürgermeister kündigte sogar schon an, dass das Mehrgehalt auf jeden Fall zu Lasten der Eltern gehen wird – die Kita-Gebühren werden einfach erhöht. Die aktuellen 230 Euro werden somit wahrscheinlich sehr spürbar ansteigen.
Alles Reden nützt aber nun mal nichts und so dachten wir Elternvertreter uns, dass wir einfach eine Notgruppe auf die Beine stellen. Mit 3 noch nicht streikenden Angestellten sollte es eigentlich einfach sein, dachten wir uns. Aber manchmal soll man halt nicht so viel denken ….

Der erste einzelne Streiktag:

Für die Betreuung an dem Tag gilt, wer zuerst kommt, hat den Platz. Alle Kinder können untergebracht werden, keiner geht leer aus. Trotzdem beschweren sich diverse Eltern, dass das Verfahren unfair wäre.

Der zweite einzelne Streiktag:

Unsere Kita-Leitung vergibt die Plätze gezielt. Gleiches Szenario wie beim ersten Mal, diesmal wird Befangenheit vorgeworfen, obwohl wieder alle einen Platz bekommen haben.

Der unbefristete Streik bricht an – die ersten beiden Wochen:

Nach diversen Anfragen an die Stadt steht fest, dass wir maximal 15 Kinder unterbringen können, Elternhilfe ausgeschlossen. Wir entscheiden uns für ein Losverfahren, um es so fair wie möglich ablaufen zu lassen. Alle Eltern mit dringendem Bedarf haben die Möglichkeit, sich in Listen einzutragen.
Eltern drohen uns kurze Zeit später an, die Auslosung zu boykottieren und ihr Kind auf jeden Fall in die Kita zu bringen – auch wenn sie keinen Platz haben. Wir Elternvertreter werden persönlich angegriffen, diversen Eltern Schmarotzertum vorgeworfen, weil sie sich in die Bedarfslisten eingetragen haben. Wir überlegen, ob wir die Notgruppe nicht einfach auflösen bzw. gar nicht mehr anbieten sollten.
Am Tag der Auslosung plötzlich das erlösende OK der Stadt – Hilfe von Eltern ist nun doch ok, alle Kinder können dank Hilfe diverser Eltern aufgenommen und betreut werden.

Unbefristeter Streik – die nächsten 2 Wochen:

Kurz vor Ablauf planten wir die nächsten 2 Wochen, druckten Listen, veranstalteten einen Elternabend zur weiteren Planung.
2 Stunden vor Beginn des Elternabends gibt die Stadt eine neue Anweisung heraus. Ein Sonder-Betreuungsschlüssel für die Erzieher, Elternbeteiligung ausgeschlossen. Diese dürfen dafür Räume im Kindergarten kostenfrei anmieten.
Wir schmeißen unsere Planung über den Haufen, die Leitung spricht mit allen berufstätigen Familien wegen der Platzvergabe. Wir mieten die Räume, aber eher nur für den Notfall, denn wirklich gebraucht werden sie wohl nicht. Am Mittwoch soll es losgehen, Montag ist Feiertag, Dienstag sowieso geschlossen. Wir verbringen Stunden mit der Planung, aber auch mit Ideen – zum Beispiel einem Eltern-Kind-Spielevormittag im Kiga für alle nicht Berufstätigen. Der Platz wäre ja da.

Am Freitag Vormittag beschließt die Stadt, eine Spingerin abzuziehen, aus den vorher 35 zu betreuenden Kindern werden mit einem Schlag 15. Elternbeteiligung weiterhin ausgeschlossen. Wiederrede zwecklos.
Der Kitaleitung stehen weitere Stunden an Arbeit bevor, alle Eltern zu informieren und mal eben 20 Eltern aus der Liste „auszusortieren“. Die Elternvertretung rotiert, schmeißt mal wieder die Planung über den Haufen und darf sich dem Unmut der Eltern aussetzen. Die Elterngruppe muss nun doch eingerichtet und reichlich Helfer gefunden werden. Entspanntes Pfingstwochenende adé.

Ich bin denn mal weiter planen und freue mich, dass mich der Streik noch nicht betrifft und unsere Stadt wenigstens anstandslos und ohne Aufforderung die Kitagebühr zurückzahlt. ….

Wird bei euch gestreikt? Wie organisiert ihr euch?

 

2 Kommentare

  1. Lucidia

    Wir hatten bisher „nur“ 2x einen Tag der gestreikt wurde. Seit dieser Woche nun wird komplett gestreikt, allerdings ist eine Notbetreuung eingerichtet für Eltern die diese Betreung benötigen wegen der Erwerbstätigkeit. Ich bin da wie du und kann mitlerweile auch die Streikgründe nicht mehr verstehen, zumal wenn man in den Medien solche Interviews hört „Von 2600€ Netto kann ich meine Familie nicht ernähren“ Ach ne, na und wie ich es bei meinen 8,50€ Bruttostundenlohn schaffe, da fragt auch keiner, zum Glück verdient mein Mann besser als ich, aber das tut ja nix zur Sache. Es geht einfach um die Relation. Ich kann man nicht eben im Handel streiken…oh weh, wenn jemand nicht mehr täglich einkaufen gehen könnte, sieht man ja immer kurz vor Feiertagen was für ein Chaos ausbricht. Und leider bekommen wir die Kitagebühren nicht zurückerstattet. Reicht ja schon das wir monatlich eine essengebühr bezahlen, egal ob das Kind ißt oder nicht. Der Betrag wird trotzdem fällig.
    Na hoffen wir das der Streik dann bald zu ende ist und wir dann eine Erhöhung der Gebühren bekommen.

    Liebe Grüße Lucy

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    1. Sandra (Beitrag Autor)

      Ich sehe es genauso – Arzthelferinnen können auch nicht eben so streiken, im Handel ist es natürlich noch schwieriger. Als ich das mit dem „Nicht von Leben können“ damals hörte, fragte ich mich kurzfristig auch, wie ich denn mit meinem Gehalt damals überlebt hab, wo ich deutlich weniger verdiene :D

      Inzwischen ist ja wenigstens ne Streikpause, unsere Notfallgruppe steht aber schon wieder parat. Man weiß ja nie und wir befürchten alle so ein bisschen, dass es nach dem 19. weitergeht. :(

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