„Vom anderen Ende der Welt“ – Rezension

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England im Jahre 1785. Mary Linley hat inzwischen nicht nur ihre Mutter verloren, die bei ihrer Geburt starb, sondern auch ihren Vater. Er verunglückte am Kap Hoorn auf einer Forschungsreise doch Mary will sich damit nicht abfinden. Täglich steht sie am Hafen und wartet auf seine Rückkehr. Von ihm weiß sie alles, er hatte sie nicht nur in der Botanik, sondern auch ein Stück weit in der Medizin ausgebildet. Zusammen arbeiteten sie viele Jahre, nun führt Mary schon einige Zeit seine Arbeit allein fort. Sie lebt bei ihrer Tante, die Mary nun schnell verheiraten möchte und ihr ein Ultimatum stellt.
Für Mary ist dies jedoch der Grund, von zu Hause wegzulaufen. Sie möchte als Bontanikerin arbeiten, endlich forschen und das erleben, was ihr Vater jahrelang getan und erlebt hat. Und was bietet sich dafür besser an als Forschungsreise der Sailing Queen mit dem Botaniker Carl Belham, der ein Freund ihres Vaters war? Nachdem sie als Frau keine Chance hatte, schneidet sie ihre Haare kurz, verkleidet sich als Mann und erhält eine Stelle als Zeichner an Bord.
Das Leben auf dem Schiff ist nicht einfach, zumal sie immer wieder fürchten muss, entdeckt zu werden. Der Leser erlebt jedoch nicht nur Marc’S (Mary’s) Leben auf dem Schiff, sondern lernt auch die anderen kennen. Da wären zum Beispiel die Geschwister Nat und Seth, den Segelmacher John und andere.
Mary’s Traum erfüllt sich, als sie endlich nach vielen Monaten das erste Mal mit auf Exkursion und nicht nur in der Offiziersmesse zeichen darf.

Ich habe es schon irgendwann mal erwähnt – historische Romane mag ich gar nicht mehr so gern. Der Plot ist oft sehr ähnlich: „Frau verkleidet sich als Mann und trifft dabei die große Liebe“ und das ganze wird gespickt mit viel Schmalz.
So in der Art bin ich an das Buch herangegangen, und befürchtete, dass ich wohl eine kleine Ewigkeit für das Buch brauchen würde. Inzwischen weiß ich wieder ein Mal mehr, wie sehr man sich doch täuschen kann. …
Neben der optischen Aufmachung sah ich beim Aufblättern des Buches direkt etwas weiteres geniales: Eine Übersicht aller im Buch vorkommenden Personen. Auch wenn es nicht viele sind und man die Liste eigentlich gar nicht braucht, fand ich sie super! Passend dazu ist sogar noch eine Karte mit Reiseroute der Sailing Queen beigefügt.

Der Schreibstil von Liv Winterberg hat mich vom ersten Moment an gefesselt. Sie schreibt und beschreibt sehr flüssig, fast malerisch. Man fühlt sich fast so, als wäre man direkt dabei und würde alles hautnah erleben. Alle Charaktäre sind liebevoll beschrieben, lassen aber auch noch Platz genug für eigene Gedanken und Fantasien. Die perfekte Mischung.
Es gibt zeitlich mehrere Erzählstränge. Da wären der über Mary bzw. Marc, Carl Belham, Nat und Seth und auch Owahiri von Tahiti. Alle Personen haben zwar ihre eigenen Kapitel und Geschichten, doch sie sind so geschickt miteinander verknüpft, dass man durchaus auch ein Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln zu lesen bekommen.

Liv Winterberg schafft es, mit ihrer Geschichte um Mary zu fesseln. Immer wieder schafft sie es perfekt Spannung aufzubauen, so dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Keine der Vorkommnisse auf dem Schiff wirkt überzogen, alles perfekt ins Bild passend. Bei 429 Seiten Roman möchte man meinen, dass es entweder langweilig und getreckt oder viel zu vollgestopft und unglaubwürdig ist. Aber der Roman ist einfach nur perfekt. Es ist nichts zu viel, nichts zu wenig. Alle neuen Kapitel beginnen mit dem jeweiligen Datum – manchmal der nächste Tag, manchmal einige Monate später. Selbst das ist stimmig und genau richtig.

Natürlich dürfen Gefühle auch nicht zu kurz kommen. Wer allerdings auf ein Buch  volller schmachtender Liebe hofft, wird enttäuscht werden. Hier steht nicht die Romantik, sondern das Abenteuer im Vordergrund. Die Geschichte zwischen Carl und Mary steht absolut im Hintergrund und rückt nur zur gegebenen Zeit nach vorn.

Ich würde liebend gern noch viel mehr erzählen, aber dann müsste ich schon einen Teil der Geschichte verraten. Also lasse ich das. Nur so viel: Ich habe gelacht, geweint und mich prächtig amüsiert. Zum Lesen habe ich weniger als einen Tag gebraucht … Das Buch beruht übrigens zum Teil auf historischen Tatsachen, „Marc“ gab es wirklich.

Dies war Liv Winterberg’s erster Roman und ich hoffe auf viele weitere!

5/5 Sternen!

 

 

 

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