(Un)Gesunder Egoismus

So ein kleines bisschen Egoismus ist gesund und sollte von jedem von uns unbedingt an den Tag gelegt werden. Es würde sicher so viel weniger Erschöpfungszustände geben, wenn Mütter auch mal NEIN sagen würden. Aber wie ist das bei Kindern? Wo liegt da die Grenze zum gesunden Egoismus? Gibt es da überhaupt eine Grenze?

Es ist nur eine Phase!

Schon eine ganze Weile ist es mein Mantra und im Moment bin ich am Überlegen, ob ich mir den Spruch nicht überall da hinklebe, wo ich ihn sehen kann. Im ganzen Haus verteilt.
Unser 4jähriger ist im Moment mal wieder sehr eigen (wobei seine Puppenliebe absolut süß und toll ist!) und will fast durchgehend mit dem Kopf durch die Wand. Er weiß eigentlich genau, wie weit er gehen darf, aber trotzdem probiert er täglich mindestens 30 Mal, die Grenzen zu sprengen. Neulich erst meinte seine Erzieherin zu mir, dass sie es toll findet, dass ich nicht in Tränen ausbreche oder weich werde, wenn er bei der Verabschiedung heult, tobt und schreit. Aber warum sollte ich auch? Ich weiß, dass er nur weint, weil er es doof findet, dass alle schon zum Frühstück gehen und er gleich ohne zu spielen mitgehen muss. Und ich weiß, dass ich ihm genau das eine Stunde lang am Morgen immer wieder gesagt habe. Irgendwie fehlt mir da das Mitleid und helfen würde es ihm auch nicht. Leider. Auch weiß ich, dass es an anderen Tagen überhaupt keine Probleme gibt und er es kaum erwarten kann, in seine Gruppe zu kommen.

Erst letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit seiner Kinderärztin, um es ihm (und uns) irgendwie leichter zu machen. Ihr Rat: Im triftigen Grund nicht mehr erklären, nur noch ein kurzes „Nein“ oder „Stop“ sagen und ihn dann aus der Situation herausnehmen. Notfalls auch tragen, falls er nicht freiwillig geht. Dann soll er eine kurze Auszeit von 2-3 Minuten haben um sich zu beruhigen und dann wieder mitspielen können. Darüber Reden könnte man danach immer noch. Warum er seinen Bruder gebissen hat zum Beispiel. Oder warum er sein Hüpfpferd auf dem Kopf des Bruders landen lässt. Beispiele und Gründe gibt es ganz viele und auch wenn wir natürlich ganz viel Verständnis haben, kann er nicht immer tun und lassen, was er möchte. Den Bruder hauen zum Beispiel.

2 kinder im Gras

Wie du mir, so ich Dir!

Für Außenstehende klingt das gerade geschriebene wahrscheinlich so, als wäre der Große unglaublich eifersüchtig und böse auf den kleinen Bruder. In winzigen Teilen stimmt es vielleicht auch, aber größtenteils liebt er ihn heiß und innig. Er verteidigt den Kleinen gegen alle Kinder im Kindergarten, die ihn streicheln oder nur anfassen wollen. Er streitet sich mit Oma, weil es SEIN Bruder ist und sie ihn nicht haben darf – und sei es noch so kurz. Er kuschelt immer wieder mit ihm und knutscht ihn. Eigentlich sind die beiden total süß miteinander, weil einer immer wieder ankommt und die Nähe des anderen sucht.
In der letzten Zeit ist hier allerdings oft Stimmung im Haus, denn der kleine Bruder hat sich eine ganze Menge vom Großen abgeschaut. Er ist bei weitem kein hilfloses Baby mehr, dass sich nicht wehren kann – eher im Gegenteil. Inzwischen hat er es faustdick hinter den Ohren und ich würde behaupten, dass die beiden sich im Grunde genommen gar nichts mehr schenken.

Beide haben einen sehr stark ausgeprägten Willen und beide wollen immer eins: genau das, was der andere hat. Das gleiche Buch, das gleiche Spielzeug, auf den gleichen Arm oder auf den Schoß. Die Anwesenheit des jeweils anderen akzeptiert dabei keiner von beiden. Wenn auf den Schoß, dann auch nicht nur auf ein Bein, sondern auf beide. In jedem Arm ein Kind? Undenkbar! Versucht man es doch, hauen und treten beide sich gegenseitig, nur um sich einige Zeit später wieder „Ei-machend“ zu vertragen.

joki

Unseren Hängesessel und auch die Hängehöhle mussten wir inzwischen komplett abbauen, weil es nur Streit darum gab. Auf der anderen Seite sitzen beide dann aber plötzlich einträchtig grinsend im Sessel nebeneinander, obwohl sie wirklich eng zusammenrutschen müssen, um überhaupt reinzupassen.
Versuchsweise hatte ich meinen riesigen Sitzsack wieder hervorgeholt und dachte, dass ich damit beiden etwas Gutes tue. Falsch gedacht, denn darum stritten sie sich fast noch mehr als um die Hängesessel. Es spielt und klettert sich aber auch zu gut darauf – irgendwie bin ich schon traurig, dass meine Idee nicht funktionierte.

Unsere beiden Räuber sind in der letzten Zeit unglaublich anstrengend, denn irgend einer der beiden kreischt oder weint fast immer. Dabei nehmen wir uns sehr viel Zeit, kuscheln und lesen viel vor und behandeln dabei vor allem beide gleich. Der Große bekommt fast noch ein bisschen mehr Zuwendung, weil sein kleiner Bruder altersbedingt natürlich einfach immer mehr braucht. Beide haben gemeinsames Spielzeug aber auch Dinge, die sie nicht teilen müssen oder dürfen, wie „kleines“ LEGO zum Beispiel.  Trotzdem scheint es aber nie genug zu sein. Nie genug Aufmerksamkeit für den einen oder den anderen Bruder. Nie das perfekte Spielzeug, die perfekte Kuschelmöglichkeit oder …

Ich hoffe sehr, dass alles wirklich nur eine Phase ist. Im Moment versuchen wir dem Großen gerade das Prinzip „Ursache und Wirkung“ näherzubringen, denn es ist wirklich faszinierend, wie viel der Kleine vom Großen lernt. Das Rumzicken zum Beispiel. Streichelt der Große ihn aber plötzlich und grinst, dann tut es der Kleine ihm nach und macht (mehr oder weniger feinfühlig) „Ei!“ und grinst zurück. Haut der Große dagegen, dann haut der Kleine oftmals direkt zurück.

Irgendwann werden beide hoffentlich ihren Weg gefunden haben. Vielleicht bringt der Urlaub und die Luftveränderung den Durchbruch, vielleicht ist der Schub des Großen bald vorbei – niemand weiß es so genau und ändern würde es sowieso nichts. Und doch ist alles irgendwie nur eine Phase, an der wir (zusammen)wachsen. ….

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