[Rezension] „Willkommen bei den Friedlaenders“ – Adrienne Friedlaender

*Werbung*

Adrienne Friedlaender ist alleinerziehend, hat einen Hund, eine Katze und vier Kinder, von denen das Jüngste gerade einmal 8 Jahre alt ist. Und sie hat etwas getan, wozu vielen von uns schlichtweg der Mut fehlt: sie nahm für 7 Monate einen Flüchtling bei sich zu Hause auf. Den Anstoß gab damals ihr 12jähriger Sohn mit der Frage, warum sie nicht eigentlich einen Flüchtling aufnehmen würden, anstatt wie alle nur über Mitleid zu reden. Kurze Zeit später zog der 21jährige Moaaz bei ihnen ein. Ein schüchterner Syrer mit einer Katzenphobie, der nur gebrochen Englisch sprach.

Im Laufe der Wochen und Monate stellt Moaaz sich als wahrer Musterschüler und perfekt erzogener Ziehsohn heraus. Er hilft – so ganz anders als die eigenen verzogenen Kinder –  im Haushalt, kocht und erweist allen vor allem Respekt. Schließlich geht Familie in Syrien über alles und nie würde Moaaz ein schlechtes Wort über die Familie verlieren. Weder über seine eigene, noch über die, in der er jetzt lebt.

Eigentlich läuft Moaaz „nur“ bei den Friedlaenders mit und doch wird er dadurch perfekt integriert. Indem er mit dem Hund Gassi geht, bekommt er Kontakt zu den Nachbarn. Er geht zum Sport, lernt die deutsche Pünktlichkeit kennen und auch, dass Kinder eben viel mehr Freiheiten haben. Doch auch die Familie und vor allem Adrienne kann von Moaaz vieles lernen. Mehr Gelassenheit und Ruhe zu zum Beispiel und natürlich sehr viel über die arabische Kultur und auch den Koran.

Willkommen bei den Friedlaenders

Eigentlich könnte alles perfekt sein. Eine chaotische Familie mitten aus dem Leben, ein Flüchtling mittendrin und eine Autorin, die einen sehr lockeren und teils saloppen Sprachgebrauch hat. Die ersten Seiten des Buches fand ich es großartig und mochte es gar nicht zur Seite legen. Ich fühlte mich als Leser rundum wohl und selbst auch ein Stück weit angekommen. Doch irgendwann begann genau dieses Perfekte mit den fehlenden Problemen zu nerven. Unglaubwürdig und sogar langweilig zu werden. Adrienne, die ich zu Beginn des Buches noch total nett fand und mit der ich sogar ein Stück litt angesichts ihrer pubertierenden Kinder, wurde mir unsympathisch und ihre Kinder in meinen Augen nur verzogen. Und obwohl ich das Buch ein paar Wochen zur Seite legte, um Abstand zu bekommen und darüber nachzudenken – besser wurde es damit nicht.

Bitte versteht mich nicht falsch! Ich finde es großartig, dass alle den Mut hatten, jemanden völlig fremdes in ihr Haus aufzunehmen und sich einer völlig fremden Kultur zu öffnen. Schließlich ist es nicht damit getan, nur einen Schlafplatz anzubieten – es gehört noch eine ganze Menge mehr dazu. Aber heute, nachdem ich das Buch, auf das ich mich wirklich gefreut hatte, ausgelesen habe, frage ich mich, ob man deshalb wirklich darüber ein Buch schreiben muss.
Während des Lesens bekam ich immer wieder den Eindruck, dass es voll von Dingen ist, mit denen man ein Vorurteil nach dem anderen Beiseite räumen wollte. Moaaz ist lieb, hilft, er kocht, er integriert sich perfekt, macht nie Probleme, wird von der Großmutter über alles geliebt und freundet sich sogar mit der Katze an, vor der er zu Beginn so große Angst hatte. Ihre eigenen Kinder weigern sich statt dessen überhaupt etwas zu tun oder im Haushalt zu helfen. Große Diskussionen gibt es nicht und bei den nur natürlichen (kulturellen) Unterschieden überdenkt Adrienne ihre Einstellung und Sicht der Dinge und schon ist das Thema im Buch vom Tisch. Der Sportverein schenkt Moaaz die Mitgliedschaft und auch die Hausärztin übernimmt wie selbstverständlich die Kosten für die Vitaminkur, die sie ihm verordnet. Natürlich ist das alles toll, aber im gesamten wirkt es einfach ein bisschen zu puderzuckrig. Auch ich habe hin und wieder mit Flüchtlingen zu tun und da ist es keineswegs alles sooooo rosarot.

Auch wir hatten eine Zeit lang überlegt, einen Flüchtling bei uns aufzunehmen, gerade deshalb fand ich das Buch im Vorfeld so spannend. Unsere Kinder sind allerdings viel jünger und genau deshalb entschieden wir uns damals dagegen. Das Buch selbst hat unsere Entscheidung im Nachhinein in keinster Weise geändert oder überhaupt dabei geholfen. Etwas versöhnt hat mich allerdings der auch durchaus selbstkritische Rückblick am Ende des Buches, aber grundsätzlich denke ich, dass eine Zeitungskolumne oder ein Blog zum Thema mit jeweils Kurzgeschichten wahrscheinlich besser gewesen wäre.

Ich habe mir im Vorfeld sehr viele Gedanken gemacht, ob ich es nun empfehlen würde oder nicht. Es ist mir durchaus bewusst, dass hinter diesem Buch echte Menschen und Schicksale stehen und ich freue mich aufrichtig für Moaaz, dass er so gut in Deutschland angekommen ist und sich zurecht gefunden hat. Er hatte großes Glück, einen Platz in einer liebevollen Familie gefunden zu haben. Auch zolle ich Familie Friedlaender meinen absoluten Respekt und Bewunderung. Und genau deshalb lasse ich es offen und werde weder eine Empfehlung abgeben, noch davon Abraten. Schließlich ticken wir alle anders und wer weiß – vielleicht seid ihr von dem Buch total begeistert?

Ich freue mich auf jeden Fall über eure Meinungen in den Kommentaren! 

*

Buchinfo

  • „Willkommen bei den Friedlaenders“
  • Adrienne Friedlaender
  • blanvalet
  • gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • ISBN 978-3764506254
  • Erscheinungsdatum: 11. September 2017
  • 16,00 Euro

*Affiliate-Link
(Das Buch wurde mir für diese Rezension kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt. Meine Meinung beeinflusst das nicht.)

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.