[Rezension] „Kein Döner Land“ – Cem Gülay, Helmut Kuhn

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2009 erschien „Türken-Sam: Eine deutsche Gangsterkarriere“, in der es um die Geschichte von Cem Gülay geht. Aufgewachsen in Hamburg hatte er immer das Gefühl, nie richtig dazuzugehören und entschied sich irgendwann für eine Gangsterkarriere. Doch er schaffte den Absprung und sucht nun die Konfrontation. Er will nicht nur seine Geschichte öffentlich machen, sondern auch aufrütteln und zeigen, dass da irgend etwas in unserer Gesellschaft grundsätzlich schief läuft.

„Kein Döner Land“ entstand aus seinem ersten Buch heraus. Nach der Veröffentlichung reist Cem Gülay viele Monate lang immer wieder quer durch Deutschland, sprach vor Versammlungen, Klassen oder ganzen Schulen. Er lernte dabei nicht nur Türken, sondern auch viele andere Nationalitäten kennen und stellte immer wieder fest, dass sich ihre Probleme gar nicht so sehr von denen der Türken unterscheiden.
Dieses Buch handelt von (wahrscheinlich nur) einigen der Begegnungen. In sehr kurzen Kapiteln berichten die Autoren über Begegnungen, die sie überraschten oder auch schockierten.

 Kein Doener Land

 „Kurze Interviews mit fiesen Migranten“ – der Untertitel mag auf den ersten Blick ein nettes, unterhaltsames Buch versprechen. Das ist es zwar auch, aber dabei ist es keineswegs so oberflächlich, wie man vielleicht Glauben mag. Es regt zum Nachdenken an, denn schnell merkt der Leser, dass viele Migranten gar nicht so fies sind, wie es manchmal den Anschein hat, sondern eher im Gegenteil, einige der Probleme auch einfach hausgemacht sind.

Unsere Meinung zu Migranten ist oft vorgefertigt und ziemlich einseitig. Unruhestifter, die schlechte Noten haben, irgendwann abrutschen oder einfach kein Deutsch sprechen (wollen). Und auch wenn ich selbst einige ausländische Freunde habe – manchmal ist man nur zu leicht geneigt, genau das auch zu glauben. Doch Cem Gülay zeigt dem Leser eine andere Welt. Er erzählt von Schulen, in die fast nur Kinder mit Migrationshintergrund gehen, von Lehrern, die über die jahrelangen Vermittlungsversuche und schlichtenden Worte einfach müde und tatsächlich ein Stück weit ausländerfeindlich geworden sind. Von Migranten, die gern arbeiten würden, aber trotz guter Noten einfach keine Ausbildung oder eine Arbeit bekommen. Er fragt sich, warum ein Deutscher, der jemanden mit einem Messer niedersticht, nur 2 Jahre – ein Ausländer dagegen 5-10 Jahre ins Gefängnis müsste. Oder warum die Polizei sich teilweise so unglaublich viel Zeit lässt, wenn eine Tat mit ausländerfeindlichem Hintergrund gemeldet wird.
Allerdings lässt er dabei auch die alten und oft traditionellen Verhaltensweisen der Eltern der heutigen Problemkinder nicht außer Acht. Genauso wenig wie er zugibt, dass Türken einfach viel zu schnell beleidigt sind.

Er stößt uns auf Dinge und Begründungen, die eigentlich die ganze Zeit vor unserer Nase sind. Die man sehen könnte, es aber nach einiger Zeit einfach nicht mehr tut. Man könnte es Betriebsblindheit nennen, vielleicht auch schlichtweg Ignoranz. Man könnte lange darüber Nachdenken, warum sich Dinge genau so entwickelt haben. Man könnte aber auch einfach Anfangen Umzudenken, denn auch diese Sichtweise bekommt man als Leser mit auf den Weg. Die Sicht auf zum Beispiel einen 10-jährigen, der kein Opfer mehr sein will und statt dessen lieber gewalttätig wird. Oder auf den Jugendlichen, der Hartz4 bekommt, dabei viel lieber arbeiten würde, nur stellt ihn keiner ein.

Cem Gülay und Helmut Kuhn ist es gelungen, eine perfekte Mischung verschiedener Erfahrungen in das Buch zu bekommen. Die kurzen Geschichten im Buch sind breit gefächert. Sie zeigen, dass beide Seiten Schuld haben an der Misere und auch beide daran arbeiten müssen, um etwas daran zu ändern. Die beiden schieben keine Schuld auf jemanden, weder auf die Deutschen, noch die Migranten. Sie wissen aber sehr wohl, dass sich endlich alle an einen Tisch setzen müssen, bevor die Situation noch weiter eskaliert.

Von mir gibt es 5/5 Sternen und eine unbedingte Leseempfehlung!

Buchinfos

  • „Kein Döner Land
  • Cem Gülay und Helmut Kuhn
  • dtv premium
  • 220 Seiten
  • ISBN: 3423249528
  • Erscheinungsdatum: 1.10.2012
  • Leseprobe (Angbot des dtv)
  • 14,90 Euro

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