[Rezension] „Hannes“ – Rita Falk

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Hannes und Uli kennen sich seit vielen Jahren, haben fast ihr ganzes Leben zusammen verbracht. Dementsprechend unzertrennlich sind sie. Bis zu einem Tag im Februar. Es ist warm, die Sonne scheint und beide wollen die erste Fahrt des Jahres mit ihren Motorrädern machen. Doch plötzlich ist Hannes weg. Von der Straße abgekommen. Verunglückt. Im Koma.

Nicht nur für Uli bricht eine Welt zusammen, auch alle Freunde und seine Familie können es nicht fassen. Täglich sitzen sie an seinem Bett, hoffen das er wieder aufwacht. Das er ein noch so kleines Zeichen gibt.
Für alle geht das Leben weiter – muss weitergehen. Uli leistet seinen Zivildienst im Vogelnest, einem Heim für psychisch labile Personen, ab. Aus dem anfangs eher wenig geliebten Job wird seine Zufluchtsstätte, ein Halt im Leben. Und auch wenn Uli seinen Freund Hannes fast täglich besucht, beginnt er doch gleichzeitig, ihm Briefe zu schreiben. Jede noch so kleine Kleinigkeit schreibt er auf und hofft, das Hannes sie eines Tages selbst lesen kann. Er schreibt dabei nicht nur über den Alltag, sondern auch über seine Gedanken, Gefühle und den Schmerz.
Und während sich um ihn herum alles ändert, Familien zerbrechen und Neues beginnt, bleibt eins immer gleich. Hannes liegt im Koma und bewegt sich nicht. Bis zu diesem einen Tag. …

Hannes Cover

Als Autor/in muss man sich zu einem gewissen Teil immer mit seinen anderen, früheren Büchern vergleichen lassen. Da geht es Rita Falk auch nicht anders, als vielen anderen. Auch wenn es bei ihr noch ein bisschen „schlimmer“ ist. Durch ihre 3 Eberhofer-Bände gehörte sie für mich schon ganz klar in eine Schublade, beschriftet mit „seichter lustiger Krimi, Dorf und tiefstes Bayern“. Ich war zwar gespannt auf ihren ersten „richtigen“ Roman, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht all zu viel erwartet. Vielleicht war es auch nur Selbstschutz, um später nicht zu enttäuscht zu sein.

Mit „Hannes“ wagt sich Frau Falk nun in eine ganz andere Richtung – weg von Franz Eberhofer und dem Klamauk. Auch wenn sie in Bayern bleibt, wird es doch deutlich seriöser. Sie schafft mit Uli, Hannes und all den anderen einen absolut glaubwürdigen Rahmen um tiefe Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung und auch den Glauben. Sowohl an sich selbst, an andere und das Leben an sich.
Uli’s Briefe beginnen Ende März – einige Wochen nach dem Unfall. Tagebuchartig erzählt er in seinen Briefen über seine Arbeit im Vogelnest, den Patienten dort, seinem Leben, aber auch dem der anderen beiden Freunde Kalle und Rick, sowie Hannes‘ Freundin Nele.
Am meisten überrascht hat mich die Ausdrucksweise. Uli ist 21 und man nimmt es ihm sofort ab. Jedes einzelne Wort. Keins ist zu viel, aber auch keins zu wenig. Ich habe im Laufe der Zeit viele Autorinnen erlebt, die ihren Männern so viele Worte in den Mund gelegt haben, dass es schon allein deshalb unglaubwürdig wirkte. Hier nicht. Uli berichtet nüchtern, teilweise fast sachlich. Dabei flucht er aber auch durchaus und lässt seiner Wut freien Lauf. Doch nie verliert er dabei das Vertrauen, den Respekt und auch die Achtung vor seinem besten Freund. Und das alles, ohne auf die Tränendrüse zu drücken oder künstlich Emotionen erzeugen zu wollen.

Während ich bei den ersten paar Seiten noch auf den „Aha-Effekt“ wartete, kam der langsam und schleichend. Er zog mich in die Geschichte und ließ mich nicht mehr los. Wie auch in ihren bisherigen Büchern ist der Schreibstil von Frau Falk leicht und flüssig. Ein paar derbe Kommentare und breite Grinser müssen natürlich auch hier sein, doch ergänzen sie sich perfekt mit der oft bedrückten Grundstimmung des Buches.

Was würdest du tun, wenn dein bester Freund/Freundin im Koma liegt? Würdest du hingehen? Täglich? Oder fast täglich?  Würdest du ihn/sie verteidigen und an ihn/sie glauben?
All das sind sicherlich Fragen, die man sich nie stellt und auch nie stellen möchte. Und doch sind sie in unserer heutigen Gesellschaft aktueller denn je. In unserer schnellen Zeit vergisst man häufig, was richtige und echte Freundschaft bedeutet. Man vergisst, dass es ein Leben ohne Internet gibt und man Briefe auch per Hand schreiben kann.
Uli sieht seine Zeit an Hannes Krankenbett als Auszeit. Er genießt es da zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen oder ihm die Sportseite oder seine Briefe vorzulesen. Und während alle anderen sich von Hannes abwenden, weil sie seinen Anblick nicht mehr ertragen können, ist Uli einfach nur da.

Vor einigen Monaten las ich ein anderes Buch über das Leben nach dem Tod der geliebten Mutter. Ich habe mich damals ständig gefragt, wo die Trauer bleibt. Sie kam einfach nie im Buch durch. Doch bei „Hannes“ ist alles anders. Obwohl nie offensichtlich, schwingt doch immer die Trauer mit. Das Entsetzen über das Geschehene und auch die eigene Unfähigkeit, etwas tun zu können. Doch immer dabei ist auch die Hoffnung – eine Hoffnung, die ganz schnell in Ernüchterung übergehen kann.

Für mich hat Rita Falk ein großartiges Werk geschaffen. „Hannes“ ist ein tolles Buch über Freundschaft, Vertrauen und auch den Glauben an sich selbst und andere. Es ist einfühlsam, ohne dabei kitschig zu sein und hinterlässt mich (im positiven Sinne) mehr oder weniger sprachlos und tief berührt. Etwas, dass nur wenige Bücher schaffen. Ein Buch, dass ich jedem nur ans Herz legen kann! Ich werde es wohl auch nicht das letzte Mal gelesen haben.

Von mir gibt es 5/5 Sternen!

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