[Rezension] „Die Tote von Charlottenburg“ – Susanne Goga

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Berlin in den 20er Jahren. Die Inflation hält nicht nur Berlin gefangen und führt immer wieder zu Ausschreitungen und Anfeindungen – vor allem gegen die dort lebenden Juden. Der Tod von Henriette Strauss erschüttert alle, die sie kannten. Als Ärztin und Mensch war sie geliebt und geachtet und keiner mag so recht an ihren Tod glauben. Nur ihr Neffe und ihr Hausarzt vermuten, das mehr hinter der plötzlichen Lungenentzündung mit Todesfolge stecken könnte. Leo beginnt mit seinen Kollegen zu ermitteln.
Verdächtige gibt es viele, denn die Tote war Ärztin in einer Beratungsstation für Frauen und übernahm auch die Beratung bei ungewollten Schwangerschaften. Sie hatte mit Neidern zu kämpfen und nicht nur Freunde. Schließlich war sie gegen die Versuche an Menschen, die auf ihrer Station im Krankenhaus durchführt wurden. Auch ihre Familie erscheint merkwürdig, obwohl ihr Neffe aufrichtig um sie zu trauern scheint. …

Buchcover

Dies ist nun schon der 3. Band rund um Leo Wechsler und obwohl ich die anderen beiden nicht gelesen habe, fand ich mich ohne Probleme in der Geschichte zurecht. Susanne Goga erzählt hier nicht nur die Geschichte des Mordes an Henriette Strauss, sondern vereint eigentlich gleich mehrere große Erzählstränge in einem.
Da wäre natürlich die Geschichte rund um den Mord und die Ermittlungsarbeiten, auf die immer wieder sehr detailliert eingegangen wird. Es wird jedoch nie zu viel, sondern nimmt genau den richtigen Platz ein. Doch auch die Familiengeschichte der Ermordeten kommt nicht zu kurz.
Als nächstes ist da die Geschichte rund um Leo selbst. Ich kenne die Vorgeschichte nicht, aber hier ist er nun schon ein Jahr mit Clara zusammen. Das Leben für die beiden ist nicht einfach, zumal ja Leo’s Schwester bei ihm zu Hause wohnt und sich um alles kümmert. Eine Vertiefung der Beziehung erscheint relativ aussichtslos, denn keiner der beiden kann und will so einfach seine Arbeit und seine Selbständigkeit aufgeben.
Und schlussendlich erfährt man sehr viel mehr geschichtliche Hintergründe, als man sie sich jemals im Geschichtsunterricht gemerkt hat. Hier werden sie so ganz nebenbei vermittelt. Doch nicht nur platt erzählt – man denkt und fühlt beim Lesen praktisch in den 20er Jahren, der Armut und der allgegenwärtigen Gefahr.

„Die Tote von Charlottenburg“ ist für mich eher ein sehr guter historischer Roman mit ein bisschen Krimi als ein richtiger Kriminalfall. Wer sich nur auf den Mord konzentriert, könnte vielleicht enttäuscht werden. Obwohl die Story sehr gut und auch spannend erzählt ist, wird relativ schnell klar, wer der Täter ist bzw. gewesen sein könnte. Mir machte es allerdings nichts aus – im Gegenteil. So passt es viel besser als irgend ein zusammengereimtes Ende, das in sich überhaupt nicht stimmig ist.

Die Autorin hat ein wunderbares Buch geschaffen. Sie bringt die Zeit der Inflation mit all ihren Problemen und der aufkeimenden Gewalt perfekt rüber. Mittendrin der alleinerziehende Vater Leo, der zwar mit Herz und Seele Polizist ist, sich jedoch trotzdem eine eigene Meinung bildet und auch durchaus mal gegen andere redet. Doch auch die Problematik der Frauen in der damaligen Zeit wird sehr gut aufgegriffen.

Für mich auf jeden Fall ein sehr gutes Buch, dass ich jedem, der ein bisschen geschichtliches Interesse hat, nur ans Herz legen kann. Am Ende des Buches wird sogar noch der Bezug zu diversen historischen Personen hergestellt. So gibt es für 7 Personen im Buch historische Vorlagen, zum Beispiel den Leiter der Mordinspektion Gennat.

Von mir gibt es 5/5 Sternen!

Buchinfo

  • „Die Tote von Charlottenburg“
  • Susanne Goga
  • dtv
  • Taschenbuch
  • 304 Seiten
  • ISBN: 3423213817
  • Erscheinungstermin: 1. Juli 2012
  • 9.95 Euro

 

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