[Rezension] „Die da kommen“ – Liz Jensen

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Die Welt befindet sich im Umbruch. Zuerst passiert es nur ganz langsam, doch dann überstürzen sich die Ereignisse. Immer mittendrin ist der Anthropologe Hesketh Lock, der schon aufgrund seiner „Andersartigkeit“ wie geschaffen für die Lösung dieses Rätsels ist. Hesketh, der am Asperger-Syndrom leidet, ist der geborene Analyst. Jegliche Gefühle fallen ihm schwer, doch mit Zahlen und Diagrammen umzugehen, ist genau sein Ding.

Als es beginnt, sind alle geschockt über die blutige Tat, denn ein kleines Mädchen tötete seine Großmutter mit einem Druckluftnagler. Es gab keinen Streit, keine Veränderungen – es passierte einfach so. Einige Tage später fliegt Hesketh nach Taipeh, um einen Sabotagefall in einer großen Firma aufzuklären. Er findet den Täter, doch er wird aus ihm nicht schlau. Obwohl er durch die aufgedeckten Machenschaften stolz auf sich sein könnte, hat er doch Angst, seine Vorfahren enttäuscht zu haben und bringt sich um. Doch er war bei weitem nicht der Letzte, denn ihm folgen noch viele weitere Sabotagefälle. Alle werden sie begangen von Männern und Frauen, die sehr zuverlässig sind und so etwas nie tun würden. Und alle sagen sie, dass sie von etwas besessen sind oder dazu gezwungen wurden. Von Kindern.
Nicht nur die weltweiten Sabotagefälle nehmen zu, sondern auch die Übergriffe von Kindern auf ihre Eltern bzw. Familie. Nach der Tat können sich auch die Kinder nicht mehr erinnern und verändern sich sehr stark.

(Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht, sonst würde ich schon zu weit vorgreifen ….)

die da kommen - Cover

Mein 4jähriger liebt es, Buchcover anzuschauen. Dieses Buch ist allerdings das erste, das ich wirklich vor ihm versteckt habe. Zu groß war meine Angst, dass ich ihm erklären müsste, warum das kleine Mädchen ein Messer hinter dem Rücken hat. Der leichte Schauer, der mir beim Anschauen immer noch über den Rücken läuft, zieht sich durch die ganze Geschichte – anfangs nur leicht, später immer stärker. Der Leser erlebt hautnah mit, wie stark sich die Kinder (und ja auch die Erwachsenen) verändern. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, ist da immer diese kleine und hartnäckige Stimme, die dir sagt, dass es auch deine Kinder sein könnten. Genau das macht es auch so gruselig – der direkte Bezug und die Veränderung aus der völligen Normalität heraus.

Der Leser erlebt die Geschichte aus der Sicht von Hesketh heraus. Es ist ein spannender Blickwinkel auf die Welt, wenn man Gefühle mehr oder weniger völlig außer Acht lässt und sich nur auf die Tatsachen konzentriert. Er kann zwar nicht so gut auf Menschen zugehen oder mit ihnen kommunizieren oder sie trösten, aber seine Art ist trotzdem unglaublich liebenswert. Seine Liebe zum Origami-falten zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und sein trockener Humor sorgte nicht nur für manchen Lacher, sondern auch für genau die richtige Aufheiterung bei diesem beklemmenden Thema.
Und auch wenn man vielleicht denkt, dass er als Asperger-Patient nicht lieben kann – er kann es doch. In immer neuen Rückblenden bzw. Erinnerungen reist man mit ihm zusammen zu Freddy, dem Sohn seiner Ex-Freundin. Dem Freddy, den er als seinen eigenen Sohn betrachtet und der ihm tagtäglich fehlt.

„Die da kommen“ hat ein Stück weit etwas von einem Endzeitroman. Die Welt verändert sich und nichts bleibt so, wie es ist. Doch ist das jetzt gut oder schlecht? Die Kinder sagen, dass die Alte Welt viel schlechter war, die neue Welt dagegen besser. Den Erwachsenen dagegen geht teilweise ein bisschen die Sicht auf das Wesentliche verloren, wie im normalen Leben auch. Sie sehen den Fortschritt und die Neuerungen, die immer höher und besser werden müssen. Dabei vergessen sie allerdings völlig, dass es unsere Kinder sind, die auch in vielen Jahrzehnten noch auf dieser Erde leben und die zwar von den Fortschritten profitieren, dabei aber auch mit den ganzen von uns produzierten Nebenwirkungen leben müssen.

Man kann dieses Buch auf zwei Arten lesen. Man kann sich unterhalten lassen und bekommt damit ein absolut spannendes und großartig geschriebenes Buch, das übrigens ohne dargestelltes Blutvergießen auskommt. Oder aber man liest und zieht dabei Parallelen, man lässt die Geschichte auf sich wirken und denkt nach. Es ist dann natürlich nicht weniger spannend, aber es ist unglaublich erschütternd und beklemmend. Was würdet ihr tun, wenn euer Kind jemanden aus eurer Familie getötet hat? Wie würde die Gesellschaft reagieren, wenn dies kein Einzelfall ist, sondern bei jedem 4. Kind auftritt? Gut zureden? Behandeln? Ausrotten? Was wäre, wenn sich schon morgen unsere Welt so verändern würde?

Von mir gibt es 5/5 Sternen, auch wenn das Ende nicht so ganz Meins war. Lesenswert ist es trotzdem!

Buchinfo

  • „Die da kommen“
  • Liz Jensen
  • dtv premium
  • Taschenbuch
  • 320 Seiten
  • ISBN 978-3423249607
  • Erscheinungstermin: 1. Juni 2013
  • 14.90 Euro

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