[Rezension] „Der Wind bringt den Tod“ – Ole Kristiansen

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Angst vorm Autofahren haben nicht gerade wenige Menschen. Doch für die meisten ist es eine Angst, die ohne einen ersichtlichen Hintergrund auftritt. Bei Jule Schwarz ist das anders. Vor Jahren hatte sie einen Autounfall. Ein Zusammenstoß mit einem Rad, bei dem die Radfahrerin ums Leben kam. Seit dem macht Jule sich schwere Vorwürfe und leidet unter ständigen Ängsten. Dank Therapie geht es ihr zwar besser, aber wirklich gut wurde es nie. Ausgerechnet sie, die nicht mal ohne weiteres als Beifahrerin irgendwo mitfährt, soll nun ein neues Projekt übernehmen. Ihre Firma plant den größten Windpark in Deutschland, doch dafür müssen eine Menge Sturköpfe im nordfriesischen Odisworth überzeugt werden. Besser gesagt – Jule muss sie überzeugen. Kein Problem eigentlich, wären da nicht die 2,5 Stunden Autofahrt von Hamburg aus.
Einmal überwunden und in Odisworth angekommen, läuft irgendwie alles schief. Noch bevor sie überhaupt angekommen ist , muss sie schon dank Straßensperre auf einen kleinen Waldweg ausweichen. Sie überfährt fast eine schwarze Gestalt, die plötzlich auf dem Weg steht und auf einem verlassenen Hof scheint merkwürdiges vorzugehen. Auch ihr Vortrag in der Turnhalle des Dorfes läuft nicht besser. Kaum richtig angefangen, wird sie schon von der Kripo unterbrochen, denn in Odisworth wurde eine halb verweste Frauenleiche gefunden. Eine Frau, die wohl einmal genau so aussah, wie Jule.

Nicht nur der Mord macht Jule schwer zu schaffen, denn schließlich scheint sie perfekt ins Täterprofil zu passen. Auch die Einwohner von Odisworth machen ihr das Leben nicht gerade einfach. Einzig der Bürgermeister scheint dem Windpark gegenüber aufgeschlossen. Doch was nützt das, wenn die anderen nicht wollen? Jule versucht ihr bestes, um sie zu überzeugen, auch wenn sie dazu einen potenziellen Mörder zu Hause besuchen muss.
Doch was hat ihr Therapeut mit Odisworth zu tun? Warum ruft er sie mitten in der Nacht an um sie zu warnen? Und wo ist Andreas, der frühere Projektleiter? Schließlich ist er in Odisworth aufgewachsen. Hat er am Ende mit dem Mord zu tun?
Immer weitere grausige Details der Leiche und vor allem noch weitere Frauenleichen machen Jule’s Leben zur Hölle.  Ist sie vielleicht schon die nächste? …

"Der Wind bringt den Tod" Cover

Auf den ersten Blick wirkt die Beschreibung von Odisworth ein bisschen überspitzt. Kein Dorf kann so sein. Oder vielleicht doch? Ich glaube schon, denn jedes Dorf hat seine Geheimnisse, über die niemand gern spricht. Egal ob unliebsame Familiengeschichten, Unfälle oder sonstiges. So ist es nicht verwunderlich, dass die Alteingesessenen in Odisworth alles dafür tun, dass die Vergangenheit ruht. Pech für Jule und auch die ermittelnden Beamten, denn selbst für einen Mordfall würde niemand die Vergangenheit verraten. Schon gar nicht die Frau, von der man es am ehesten erwarten würde – die Pastorin.
Odisworth selbst besticht durch seine oft absolut liebenswerten Einwohner. Egal ob Bürgermeister oder Pensionsbesitzer – sie alle haben Marotten, die sie aber einfach authentisch machen. Man muss sie einfach mögen, auch wenn sie recht eigen in ihren Ansichten sind.
Mit Jule selbst fühlt man sich mehr oder weniger sofort verbunden. Nach außen hin kühle Karrierefrau hat sie einiges hinter sich. Dank ihres Therapeuten, ihrer Freundin Caro und selbst auferlegter fester Rituale hat konnte sie halbwegs in ihr Leben zurückfinden. Doch ständig nagen Selbstzweifel und vor allem die Angst an ihr. Eine Angst, die nicht nur beim Autofahren allgegenwärtig ist.

Ole Kristiansen schafft es mühelos, von der ersten bis zur letzten Seite Hochspannung zu erzeugen. Es ist faszinierend, wie selbst normales Autofahren, dass ja nun nicht wirklich spannend ist, schon beim Lesen eine Gänsehaut verursachen kann. Dank des flüssigen Erzählstils kommt man sehr gut mit Lesen voran und will das Buch eigentlich gar nicht aus der Hand legen. Immer wieder dachte ich mir „nur noch ein Kapitel“. Dann wurden es gleich 5 oder 6. … Immer neue Wendungen schaffen das perfekte Verwirrspiel. Denkt man noch in der Mitte des Buches, dass man dank einiger Hinweise aus Sicht des Mörders nun genau weiß wer es ist, muss man schon einige Seiten später wieder alles über den gedanklichen Haufen werfen.
Sehr positiv finde ich, dass der Autor zwar mit der Angst spielt, aber dennoch weitestgehend auf Blutrünstigkeit verzichtet – auch wenn man es bei den verstümmelten Leichenfunden anders vermuten würde.

Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass dies wirklich ein Erstlingswerk ist. Eines Autors übrigens, der in der Danksagung im Buch unglaublich sympathisch rüberkommt. Ich habe zum Beispiel noch nie erlebt, dass ein Autor um Meinungen oder Kommentare bittet und dazu gleich mal seine Mailadresse in die Danksagung postet.

Für mich bleibt nur zu sagen – „Ich will mehr davon!“ und hoffe, dass das nicht das letzte Buch gewesen ist.
Außerdem gibt es natürlich 5/5 Sternen!

Buchinfo

  • „Der Wind bringt den Tod“
  • Ole Kristiansen
  • dtv
  • Taschenbuch
  • 496 Seiten
  • ISBN 978-3423213769
  • Leseprobe (Seite des dtv)
  • 9,95 Euro

 

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