[Rezension] „Der Hochzeitsreis“ – Francisco Azevedo

Werbung

Antonio war schon immer anders als seine Geschwister. Ein Tagträumer, der am liebsten über alles und jeden nachdenkt, der eher fühlt, als das er sieht. 88 Jahre ist er inzwischen alt, doch er sieht es eher als Segen. Er kann sich ungeniert wieder wie ein kleines Kind benehmen und sich aussuchen, an was er sich erinnert, ohne dass ihn jeder direkt verurteilt. Trotzdem steht er mitten im Leben.
Das ganze Buch über steht Antonio in der Küche und bereitet ein großes Familienessen vor. Und während er kocht, denkt er über das Rezept „Familie“ nach. In immer neuen Rückblenden erzählt er so die Geschichte seiner Familie. Von seinen Eltern und Tante Palma, die vor 100 Jahren von Portugal nach Brasilien auswanderten und hier glücklich wurden. Mit im Gepäck war damals auch der Hochzeitsreis – Reis, der bei der Hochzeit seiner Eltern von Anwesenden gestreut und von seiner Tante Palma aufgesammelt wurde. Mit einem Segensspruch überreicht sie die 12kg nach der Hochzeit seinen Eltern. Der Reis ist untrennbar mit dem Glück, aber auch Unglück der Familie verbunden, das müssen irgendwann selbst die einsehen, die es nie wahrhaben wollten. Antonio weiß das, auch wenn er immer wieder zweifelt.

Für Antonio ist die Familie ein Rezept. Viele bunte Zutaten werden zusammengewürfelt und ergeben eine bunte Mischung, die nicht jedem schmeckt. Ist ein Mensch eine Zutat verdorben, kann es passieren, dass das ganze Gericht nicht mehr schmeckt. Doch fehlt etwas oder jemand, merkt man auch das recht schnell. Kurz gesagt – es ist nicht einfach, vor allem nicht über die lange Zeit von 100 Jahren, eine Familie zusammenzuhalten. …

Der Hochzeitsreis - Cover

Die Erinnerungen eines altes Mannes sind nicht mehr unbedingt die besten. Einige Dinge vergisst man im Laufe der Zeit, doch viele bleiben im Gedächtnis – vor allem die guten. In immer neuen Rückblenden erinnert sich Antonio sowohl an seine eigenen Erlebnisse, als auch an die seiner Eltern. Tante Palma hat sie ihm als Kind so oft erzählt, dass es für ihn schon damals so war, als hätte er es selbst erlebt. Kein Problem also, sich auch heute noch daran zu erinnern.
Der Leser reist mit Antonio durch die letzten 100 Jahre Familiengeschichte. Er erlebt in kurzen Auszügen seine Kindheit, die Ehe mit Isabel, erfährt alles über seine Kinder Nuno und Rosario, aber auch über seine Geschwister. Und auch wenn es immer nur einzelne Erlebnisse und oft kurze Kapitel sind, so ist die Geschichte doch erstaunlich lückenlos – so als wäre es doch eine normale Erzählung.
Wie im normalen Familienleben gibt es auch durchaus Längen im Buch, aber in welcher Familie passiert schon durchgehend etwas neues?

Einfühlsam und mitreißend nimmt Francisco Azevedo seine Leser mit auf den Weg. Er verzichtet auf unnötiges Nebengeplänkel über die Geschehnisse der damaligen Zeit, sondern konzentriert sich durchgehend auf die Familie. Die Erzählweise von Antonio ist am Anfang durchaus etwas weitschweifig, träumerisch und „anders“, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Die meiste Zeit war ich wirklich gern bei Antonio, bei seinen Gedanken, seinen Träumen und auch Ängsten.

„Der Hochzeitsreis“ ist jedoch mehr als nur ein bloßer Familienroman. Er zeigt, wie wichtig Familie für alle von uns ist und das wir ohne sie einfach nicht komplett sind. Klar gibt es immer mal Streit, aber warum? Nie ist immer nur eine Seite daran Schuld, immer müssen sich beide Parteien dafür fragen, wieviel sie selbst zu dem Thema beigetragen haben. Nie entfremdet sich nur eine Seite.
Und vielleicht geht es euch beim oder nach dem Lesen des Buches so wie mir und ihr überlegt euch, dass es vielleicht mal wieder Zeit wäre, sich bei Eltern und Geschwistern zu melden.

Von mir gibt es 5/5 Sternen!

Buchinfos

  • „Der Hochzeitsreis“
  • Francisco Azevedo
  • dtv-premium
  • Taschenbuch
  • 368 Seiten
  • ISBN 3423249595
  • Erscheinungstermin: 1. Mai 2013
  • 14,90 Euro

2 Kommentare

  1. Pingback: Das ist mein Leben! › Sandra's Testblog

  2. Karin

    Tolles Buch und eine Herz-zerreißende Geschichte. Ich kann deine positive Bewertung voll und ganz nachvollziehen.

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.