Ausgrabungen – Ein etwas anderer Urlaub

Manchmal gibt es Situationen oder auch Zeiten im Leben, da überdenkt man einfach seine jetzige Lebenssituation und fragt sich, ob man wirklich glücklich ist und ob dieses Leben genau das ist, was man immer wollte. 2002 hatte ich so eine kleine Krise, in der ich mich einfach neu finden musste. Ich trauerte damals plötzlich meinen Träumen hinterher, die sich nie erfüllt hatten und wollte daran etwas ändern. Ich war tatsächlich versucht, meinen Arbeitsplatz aufzugeben und mich an der Uni für Archäologie einzuschreiben, denn genau das wollte ich damals nach der Schule schon tun. Ich wollte auf’s Gymnasium wechseln und danach studieren, statt dessen ging ich aber nach der 10. Klasse ab und wurde Arzthelferin. Nicht gerade naheliegend die beiden Berufe, aber so war das halt damals. Egal wie gut die Schulnoten waren – erst wurde etwas Richtiges gelernt, dann konnte man immer noch weiter sehen.
Immerhin hatte ich 2002 dann aber auch so viel Weitsicht um zu wissen, dass ich nach dem Studium auch eine Anstellung brauchen würde. Was nützt mir mein Studium, wenn ich nirgends damit arbeiten kann und dann doch wieder Arzthelferin wäre (auch wenn ich die Arbeit liebe!)? Ich beschloss also 2 Wochen Urlaub zu machen. Ausgrabungsurlaub. Damit wollte ich für mich herausfinden, ob das Studium das richtige wäre oder nicht.

Eimer und Schaufel im Sandkasten

Ein Schatz! Ich habe einen Schatz gefunden!

Genau dieser Ruf hallt täglich durch unseren Garten, denn immer wieder vergräbt der Große etwas, dass er mit lautem Tara wiederfindet. Blickt man ein bisschen verklärt auf den Beruf eines Archäologen, reduziert man ihn wahrscheinlich auch genau darauf. Schätze suchen und dann ausgraben. Erst Dreck, dann das wahnsinnig tolle Erlebnis und das gefeiert werden. Inzwischen gibt es immer mehr Hobby-Archäologen, die genau das auch erleben und für einen Tag oder länger Archäologe sein wollen. Einige Ausgrabungsstätten haben das erkannt, gehen mit dem Trend und bieten richtigen Grabungsurlaub an. Ich weiß noch, dass ich mich 2002 bei diversen Ausgrabungen erkundigte und für 2 Wochen rund 1.500 – 2.000 Euro hätte bezahlen sollen. Übernachtung, Ausflüge und Einführung in die Ausgrabung inklusive.

Ich habe damals lange gesucht und telefoniert und landete dann im saarländischen Wareswald, genauer gesagt in Tholey. Dort begann man 2001 eine gallo-römische Siedlung auszugraben und ich durfte mitmachen. Einfach so. Ohne Vorkenntnisse, völlig entspannt, freiwillig und kostenfrei. Die Grabung wurde von zwei Archäologen in Teilzeit geleitet, die sich immer wieder Zeit nahmen, alles zu erklären. Für mich gab es viel spannendes, durfte ich doch komplett die Arbeit eines Archäologen kennenlernen. Zuerst hieß das übrigens Schaufeln und Schubkarre schieben. Stundenlang, denn in der Regel liegen alle Funde natürlich tief in der Erde. Wer mag, bekommt hier in dem kleinen Wareswald-Video einen Einblick in die Grabung.
Einen großen Fund hatte ich übrigens damals tatsächlich, nur bin ich mir gar nicht mehr ganz sicher, was es eigentlich war. Ich glaube ein Anhänger? Ich weiß nur noch, dass mein Fund später noch einmal kurzzeitig verbuddelt wurde, um ihn für eine Fernsehreportage erneut „finden“ zu können. Auch das erlebte ich in den zwei Wochen. Ich besuchte viele Städte, andere Grabungsstätten und Sehenswürdigkeiten – meine 2 Wochen waren wirklich vollgestopft. Allerdings tat es auch gut, einfach mal etwas anderes zu sehen. Ich wohnte damals in einem Ferienzimmer relativ günstig, hatte einen grandiosen Ausblick über die Wiesen und Felder und war mit dem Rad schnell an der Ausgrabungsstelle. Ich komme heute noch ins Träumen, wenn ich daran denke, denn es war wirklich richtig schön.

Alles ändert sich irgendwie und irgendwann

Für mich änderte sich nach dem archäologischen Urlaub nichts. Ich merkte, dass ich die Arbeit zwar unglaublich spannend finde, aber nicht so sehr, als das ich jahrelanges Studium mit drohender Arbeitslosigkeit auf mich nehmen würde. Ich blieb also Arzthelferin, stand aber trotzdem noch mit den Grabungsleitern in Kontakt.
2004 besuchte ich die Ausgrabung erneut, diesmal allerdings ohne zu helfen und mit meinem Mann. Die Fortschritte zu sehen war schon der Wahnsinn und irgendwie auch komisch. Wenn man täglich über einen kleinen Zeitraum mitgräbt, stellt sich schnell das Gefühl von „meine Ausgrabung“ ein. Man kennt die Plätze, weiß mehr als ein normaler Tourist und kennt die Leute, die da arbeiten. Um so mehr freut man sich dann über jedes noch so kleine Detail, dass sich verändert hat.

Damals wohnten wir noch in einem Hotel und machten täglich immer neue und vor allem weite Tagesausflüge. Heute würde ich das gar nicht mehr so kompliziert machen, sondern mir wohl einfach nur ein Wohnmobil mieten und damit durch die Gegend und von Ausgrabung zu Ausgrabung fahren. So ist man unabhängig und kann problemlos auch mal einen Tag länger bleiben – diese Möglichkeit hat man sonst im Normalfall nicht. Heute würde ich mir die Urlaubstage vielleicht auch nicht mehr so vollpacken, aber das sagt sich so leicht.  :D
In den Fingern jucken würde es mich ja schon, einfach mal wieder eine Woche Urlaub für mich ganz allein zu machen – nur ich und die römische Geschichte. Allerdings kostet nun auch die Wareswald-Ausgrabung eine ganze Menge Geld. Auch wenn bereits eine Unterkunft im Preis inbegriffen ist, sind 570 Euro für 5 Übernachtungen mit 3 Grabungstagen und einem Ausflug nicht gerade wenig. Für den Preis kann ich mir schon ein richtig gutes Wohnmobil mit div. Sonderausstattung mieten und habe immer noch einiges Geld für die Verpflegung über, wenn auch dann keinen Zugang zur Grabung.
Je mehr ich allerdings darüber nachdenke, desto eher würde ich die Grabungsaktionen an den heimischen Strand oder in den Sandkasten verlegen. Schließlich habe ich zwei kleine (und meist sehr süße) Milchzahnmonster, die mir in der Zeit doch schon sehr fehlen würden. Außerdem ist es häufig so, dass es nie wieder so schön wird, wie beim ersten Mal. War 2004 schon so – es war zwar schön, aber halt nicht so schön wie 2002.

Heute kann ich mir tatsächlich kaum noch vorstellen, dass ich unbedingt Archäologie, eigentlich sogar Ägyptologie studieren wollte. Im Laufe der Jahre haben sich meine Interessen verschoben und auch wenn ich sämtliche Geschichtsthemen immer noch sehr interessant finde, so würde ich sie doch nicht tagtäglich um mich haben wollen. Aktuell grabe ich da lieber im Sandkasten nach Schätzen, im Beet nach Unkraut oder aber ich setze mich an die Nähmaschine und nähe für die Kinder, wie zum Beispiel hier. Aber die Reise mit dem Wohnmobil, die mache ich bestimmt irgendwann einmal. Wahrscheinlich erst, wenn die Kinder etwas größer sind, aber dann ganz bestimmt. Und vielleicht fahren wir dann ja doch in den Wareswald und schauen, was aus „meiner“ Ausgrabung wurde.

1 Kommentar

  1. Nadine Bernard

    Danke für die tollen Eindrücke – Toller Bericht! ich habe mit Spannung deinen Reisebericht gelesen..

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