„Die Woll-Lust der Maria Dolors“ – Rezension

Dolors ist 85 und ziemlich stur. Sie lebte jahrelang allein in ihrer Wohnung und das sollte auch so bleiben – bis ein Schlaganfall alles veränderte. Nun lebt sie bei ihrer jüngsten Tochter und deren Familie. Sie sitzt tagein tagaus in einem Sessel im Wohnzimmer der Familie und beobachtet. Und strickt.
Für ihre Familie gehört sie längst zum Inventar und wird nicht weiter beachtet. Auch hält sie jeder für taub. Und das, obwohl sie sehr wohl alles mitbekommt. Denn auch wenn sie nicht mehr richtig sprechen kann und aufgrund ihrer unverständlichen Laute lieber gar nichts mehr sagt, so hat sie doch sehr gute Ohren.
Aber eigentlich ist sie ganz froh, dass sie alle für leicht beschränkt halten, denn so kann sie viel besser lauschen. Schließlich hätte sie sonst nie mitbekommen, dass Sandra, ihre Enkelin, magersüchtig ist. Und Jofre, ihr nichtsnutziger Schwiegersohn, hat er etwa eine Affäre? Schließlich sagt man nicht einfach nur so „Ich dich auch“ am Telefon. Dann wäre da noch Leonor, ihre Tochter. Dolors fragt sich häufiger, warum ausgerechnet sie so eine dämliche Tochter bekommen hat. Eine, die sich von ihrem Ehemann herumkommandieren lässt und ihm jedes Wort glaubt. Eine, die kaum eine eigene Meinung und selbst für die Probleme ihrer Tochter kein offenes Ohr hat.
Doch da ist noch Marti. Der liebste Enkel, den man sich vorstellen kann. Er ist der einzige, der sie versteht und sich überhaupt wirklich Zeit für sie nimmt. Und er ist schwul.
Dolors erlebt viel in der Wohnung ihrer Tochter. Jeder hat seine Probleme. Einige nutzen sie als Klagemauer, andere beachten sie einfach gar nicht. Und während sie an dem Pullover für Sandra strickt, denkt sie an ihr eigenes Leben. An Antoni – ihre einzige Liebe. Und an Eduard – ihren Ehemann. Auch sie hat Geheimnisse. Dunkle Geheimnisse, von denen niemand etwas weiß. Nicht einmal ihre Freundin Mireia.

Bei den vielen Vorkommnissen würde eigentlich jeder gesunde Menschenverstand STOP schreien und sagen, dass so viel doch nie in einer Familie passieren würde. Doch bei diesem Buch bin ich nicht ein einziges Mal auf den Gedanken gekommen.
Der Leser erlebt die Geschichte aus der Sicht von Maria Dolors – aus ihren Gedanken sozusagen. Beim Stricken denkt sie viel über die Vergangenheit nach, so dass sich die Vergangenheit und das heute immer wieder spontan abwechseln. Jedoch passiert dies immer so, das man als Leser sehr gut folgen kann.
Dolors ist trotz ihrer 85 Jahre noch sehr klar im Kopf und so sieht sie die Dinge auch. Teils wehmütig, teils reumütig, teils lustig. Oft zynisch und doch immer irgendwie charmant.

Der Schreibstil ist sehr flüssig und das Buch hatte auf mich einen gewissen Suchtcharakter. Endlich, denn ich hatte schon länger kein Buch mehr in der Hand, dass ich gar nicht weglegen wollte. Schon auf der 2. Seite hatte ich mich in Dolors und ihre Art verliebt. Eigentlich kann man gar nicht anders – man muss sie einfach mögen. Doch nicht nur sie, sondern auch alle anderen. Bis auf Jofre selbstverständlich.

Lange Rede – kurzer Sinn… Ein wirklich tolles Buch. Ich habe viel gelacht, geweint und mitgelitten. Und vor allem unheimlich gern gelesen. Dieses Buch kann ich nur jedem ans Herz legen, weil es auch zwischen den Zeilen immer wieder viel über die ältere Generation erzählt. Es macht Spaß die Geschichte zu lesen und ich werde das Buch sicher nicht das letzte Mal gelesen haben.

5 von 5 Sternen!

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