Abschied nehmen

„Und wenn wir dann bald in den Urlaub fliegen, dann besuchen wir sie. Ja Mama? Ja? Ja machen wir das?“ Ernst und fragend schaut der große Sohn mich an und erwartet selbstverständlich, dass ich freudig ja sage. Allerdings gibt es da ein „kleines“ Problem, denn Urlaub wollen wir in Los Angeles machen, der Große dagegen redet über Boston. Und zwischen der Ost- und Westküste von Amerika liegen nicht nur fünf Zeitzonen, sondern auch ein paar Tausend Kilometer. So einfach mal schnell nach Boston fahren geht geht also gar nicht. …

Afrika vs. Amerika

Amerika bzw. bis vor einiger Zeit Afrika ist ein Thema, dass uns hier schon seit Wochen, fast Monaten, beherrscht. Der Auslöser dafür ist ein Mädchen aus der Kindergartengruppe des großen Sohnes, dass heute nach Boston ziehen wird. Ihr Vater bekam vom Arbeitgeber die einmalige Chance, für 3 Jahre ins Ausland zu gehen und für den dort ansässigen Firmenteil zu arbeiten. Eine große Chance, zumal der Arbeitgeber wirklich alles unterstützt und bezuschusst. Ich weiß, dass sie lange überlegt haben, schließlich gibt es zwei Kinder, die hier Freunde haben. Ihr ganzes Leben spielt hier, ihr Haus steht hier. Und auch wenn 3 Jahre nur eine befristete Zeit sind – was wird danach? Werden sie in den USA bleiben und damit komplett in der (laut Wirtschaftswoche) Deutschen zweitliebstes Auswanderungsland ziehen oder kommen sie zurück?
Im Herbst stand dann nach diversen Gesprächen und Flügen endgültig fest, dass sie gehen werden und ihre Chance nutzen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem der Große das erste mal erzählte, dass seine erst recht neu gewonnene Kindergartenfreundin nach Afrika zieht. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich ihm erklärt habe, dass zwischen Afrika und Amerika ein großer Unterschied besteht. Wir haben uns Weltkarten angeschaut und irgendwann redete er dann auch nur noch von Amerika. Allerdings merkte man deutlich, dass es für ihn etwas völlig abstraktes war. In der letzten Woche redete er dann täglich davon, dass sie bald mit dem Flugzeug nach Amerika fliegen würde und Freitag ihr letzter Tag sei, wirkte aber trotzdem noch recht fröhlich und entspannt. Auf meine Anmerkung hin, dass er sie dann bald nicht mehr sehen oder mit ihr würde spielen können, wurde er zwar jedes Mal traurig, erklärte aber fast sofort, dass sie ja bald nach Amerika fliegen würde. Ich glaube, für ihn bedeutet das eine Entfernung von höchstens einer Stunde, die für einen 4.5jährigen schon sehr sehr lang werden kann. So richtig versteht er noch nicht, dass er sie erst in ein paar Jahren wiedersehen wird.

Tutu das Monster vom Kindergeburtstag

Sein violetter Bruder ist inzwischen schon auf dem Weg in die USA …

Aber wir haben ihr noch gar nichts geschenkt!

So richtig erfasste er die Lage wohl erst am Freitag bei der Verabschiedung. Ein bisschen verloren stand er draußen vorm Kindergarten und erklärte, dass er ihr doch auch noch ein Geschenk machen wollte. Das große Abschiedsplakat mit den Handabdrücken und Fotos der Gruppenkinder war für ihn absolut nicht ausreichend, er wollte etwas eigenes. Ich hätte natürlich im Vorfeld daran denken können, allerdings rechnete ich überhaupt nicht damit, dass er das überhaupt würde tun wollen. Sie spielten zwar im Kindergarten recht gern zusammen, hatten aber ansonsten keine weiteren Berührungspunkte. Aber warum nicht.

Zu Hause stand für den Großen fest, dass er ihr einen Brief „schreiben“ wollte. Eher durch Zufall fiel mir unser einer übrig gebliebener Tutu vom Kindergeburtstag in die Hände und ich schlug ihm vor, dass wir ihr den doch zusätzlich schenken könnten. Schließlich hatte das niedliche Monster nach der erfolgreichen Schatzsuche beim Kindergeburtstag allen Kindern versprochen, ihnen Glück zu bringen und immer auf sie aufzupassen. Das wäre bestimmt ein gutes Zeichen. Sah mein Sohn auch so und am Samstag morgen diktierte er mir dann den Brief für sie.
Zuerst sammelten wir alle Gedanken auf einem extra Blatt, damit ich sie später in halbwegs ordentliche Sätze bringen konnte. Am Ende erklärte er ihr kurz, dass man mit Tutu auch im Bett kuscheln könnte, dass er ihr alles Gute wünscht und das er sie mag. Ich fragte ihn, ob er ihr auch sagen möchte, dass er sie vermissen wird – so weit wollte er dann aber doch nicht gehen. ;)

Etwas später am Samstag übergaben wir dann Tutu und den mit ganz vielen (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin) Mädchenaufklebern beklebten Brief und ich glaube, sie hat sich wirklich gefreut. Allerdings stand sie auch ein klein wenig verloren da und ich vermute, dass es ihr wie meinem Sohn ging – alles ist noch viel zu groß und zu weit entfernt. Nicht fassbar eben.

Wann können wir in den Urlaub?

Auf dem Nachhauseweg fragte mich also mein Sohn, ob wir sie denn während unseres Urlaubs besuchen werden. Ich versuchte ihm zu erklären, dass unser Urlaubsziel und ihr Wohnort einfach viel zu weit voneinander entfernt sind, allerdings verstand er, wie zu erwarten, recht wenig. Für ihn ist alles ganz einfach, denn wir könnten uns doch einfach schnell ins Flugzeug setzen und fliegen und dort in ein Hotel ziehen? Und dann könnte er wieder mit ihr spielen. Fertig.
Manchmal wäre es schön, wenn das Leben so einfach wäre. Klar kann man ganz schnell und kurzfristig Flug und Hotel buchen, aber wer bezahlt das? Allein schon der von uns überlegte (und noch nicht definitiv geplante!) Urlaub 2015 in Los Angeles wird eine ganze Menge Geld kosten. Der Flugpreis ist für eine Person zwar noch ok, für eine Familie mit zwei kleinen Kindern kommt da allerdings schon ganz schön was zusammen – auch wenn wir die Hotelkosten immerhin dank Freunden einsparen können.

Ich bin sehr gespannt, wie sich alles entwickeln wird und ob unser Sohn seine Kindergartenfreundin überhaupt noch vermissen wird, wenn sie eine Weile weg ist. Aktuell erklärte er mir heute, dass er sie ja dann bald wieder sehen wird, wenn er in der Schule ist. Wenn sie wiederkommen, dann wird er in der zweiten Klasse sein und sie vielleicht sogar in seine Klasse kommen. Wenn.
Die Frage ist allerdings, ob sie sich dann überhaupt noch mögen. Schließlich kommt ja bald auch das Alter, in dem Jungs alle Mädchen und die alle Jungs total doof finden.  …

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